Kurzgeschichten by Lana

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Flucht nach vorn





Anna legte ihre Paddel aus der Hand und griff nach ihrer Wasserflasche. Dabei
begann das kleine Boot, in dem sie saß, gefährlich zu schwanken. „Ich kann es nicht fassen, dass ich das wirklich getan habe!“, flüsterte sie vor sich hin. Sie ließ ihren Blick ehrfürchtig über das Ufer der Loire gleiten, streckte ihre Nasenspitze der Nachmittagssonne entgegen und seufzte tief. Ohne groß darüber nachzudenken, hatte sie ihre Sachen gepackt und sich in ihr kleines Cabrio gesetzt. Mit nur einem Ziel: Endlich einmal die Schlösser der Loire zu besuchen und den Fluss, der sie schon ihr Leben lang faszinierte, hinabzupaddeln.


„Was willst du denn bei den Froschfressern?“, hatte Tim ihre Bitte, den nächsten gemeinsamen Urlaub doch einmal dort zu verbringen, abgeschmettert. „Langweilige Schlösser anschauen und auf einem französischen Fluss entlang schippern? Na da kann ich mir aber Schöneres vorstellen“, hatte Tim noch als Sahnehäubchen hinzugefügt.

Wie das aussah, wusste Anna ganz genau. Zwei Wochen  Mallorca, einem Aida Partyschiff oder anderen Touristenhochburgen. Rösten am Strand und abends feiern. Das war ein Urlaub ganz nach Tims Geschmack. Anna konnte sich nur zu gut an seine Reaktion erinnern, als sie ein einziges Mal erwähnt hatte, dass es ihr allergrößter Traum war, einmal Urlaub in Schottland zu machen. Ein Grinsen machte sich auf ihrem Gesicht breit. Das erste Mal seit einer Woche begann sie, an der Trennung von Tim doch etwas Gutes zu sehen. 

Natürlich konnte sie es kaum ertragen, dass sie ihn mit ihrer Nachbarin erwischt hatte. Und dann auch noch in ihrem eigenen Bett! Ihr fiel ein, dass sie das Bett unbedingt entsorgen musste, wenn sie wieder zu Hause in Deutschland war. Sie war auch nicht stolz auf ihre eigene Reaktion. Sie hätte niemals von sich selbst gedacht, dass sie überhaupt zu einer derartigen Kurzschlussreaktion fähig war. Schließlich war sie doch immer die Vernünftige gewesen. Aber offensichtlich hatte sie sich getäuscht. Anna hatte sämtliche Klamotten des Fremdgängers und seines Flittchens geschnappt, aus dem Fenster geworfen und dann beide mit lautem Geschrei vor die Türe gesetzt. Die nackten Tatsachen und die Reaktionen der Anwohner, die sie gerade wieder vor ihrem inneren Auge sah, entlockten ihrer Kehle ein kleines Glucksen. 

Und dennoch - sie hasste Tim und auch die Nachbarin zutiefst. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen. Eine Träne kullerte Annas Wange hinunter und fiel auf das abgeschabte Holz ihres Paddelboots. 
Nein, über Tim war sie noch lange nicht hinweg. Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit, hatte Elie Wiesel, ein amerikanischer Schriftsteller und Nobelpreisträger, einmal gesagt. „Gleichgültigkeit“, wiederholte Anna leise. Motiviert nickte sie sich selbst zu. Ja, genau das war es, was sie wollte. Gleichgültigkeit Tim gegenüber. So wie er seit Jahren ihren Wünschen gegenüber gleichgültig gewesen war. So, wie wenig ihn interessierte, was sie wollte. Und so, wie er jedes Mal mit den Schultern zuckte, wenn er ihre Gefühle verletzt hatte. 

„Sei doch nicht so empfindlich“, waren die einzigen Worte, die er für ihre sensible Art fand. Sicherlich, Tim besaß auch seine guten Seiten, sonst wäre Anna nicht fast zehn Jahre bei ihm geblieben. Allerdings hatte er in der letzten Zeit immer mehr zu meckern an ihr gefunden. Diverse Male hatte er, der Inbegriff eines Egoisten, sogar ihr unterstellt, ein solches Exemplar zu sein. Tim gab Anna das Gefühl, alles falsch zu machen. Egal was sie tat und wie sehr sie sich anstrengte: Sie konnte es ihm nie recht machen. 
 
Irgendwann, langsam aber sicher, verlor sie einen Teil von sich selbst. Die Anna, die sie wirklich war. Ob Tims Affäre nun der Grund für sein Verhalten war, oder nur eine Auswirkung ihrer kaputten Beziehung, konnte sie nicht sagen. Aber nun interessierte sie das auch nicht mehr. 

Aufmunternd prostete sie sich selbst mit ihrer Wasserflasche, die sie noch immer in den Händen hielt, zu. Dann machte sie eine ausladende Bewegung damit. „Auf dich Tim. Eigentlich muss ich dir für dein Verhalten dankbar sein. Sonst hätte ich all das hier niemals gesehen!" 

Sie ließ noch einen letzten Blick über das Ufer der Loire gleiten. Dann griff sie nach den Paddeln und umschloss sie fest mit ihren Fingern. Jetzt wusste sie ganz genau, wohin sie ihr nächster Urlaub führen würde. Nach Schottland.


Fotos: http://www.sxc.hu 

Hintergrund: Ich sollte mir zu einem Bild (eine Frau, fotografiert von hinten, in einem Paddelboot auf einem Fluss) eine Geschichte ausdenken. Die Zeilenanzahl war vorgegeben. Das kam dabei raus. 


Ein nächtlicher Spaziergang



Marie schlich die knarzende Treppe auf ihren Zehenspitzen hinab. Sie wusste zwar, dass es nicht möglich war, das alte und hölzerne Ding unter ihren
Füßen leise  hinunterzuspazieren, aber in solchen Momenten fiel ihr immer eine Sache besonders auf: Wie laut manche Geräusche sein konnten, wenn der Rest des Hauses in seinen Federn lag. Ein Lächeln machte sich auf ihren Lippen breit, denn unwillkürlich musste sie an ihre Teenagertage denken.

Unten angekommen, verweilte sie einen Augenblick am Aufgang, spitzte die Ohren und ließ ihren Blick erleichtert durch den stockdunklen Eingangsbereich des Hauses gleiten. Nein, sie hatte mit ihrer Aktion niemanden geweckt, alle schienen noch friedlich zu schlummern. Grinsend schüttelte sie den Kopf über sich selbst und fischte ihren dicken Daunenmantel von der Garderobe. Als sie in die klirrende Kälte trat, atmete sie tief durch und genoss, wie sich die kühle Luft in ihrer Lunge breitmachte. Sie rieb ihre frierenden Hände ein wenig aneinander, blies etwas warmen Atem in ihre Handflächen und griff in ihre Manteltasche. Triumphierend hielt sie Handschuhe und Mütze in der einen Hand, in der anderen einen selbst gestrickten Schal. Sie zog alles an, kuschelte sich in ihre Jacke und blickte in den nächtlichen Himmel. Sie konnte es selbst kaum glauben, dass sie, ein eigentliches Murmeltier, das jede Minute Schlaf für gewöhnlich auskostete, um diese Uhrzeit wach war. Nicht nur das, sie wollte doch tatsächlich freiwillig hinaus in die noch schlafende Welt. Sie konnte sich nicht einmal erklären, warum sie zu einer Uhrzeit, in der die meisten Menschen noch tief schlummerten, den Drang hatte, im Schnee herumzuspazieren. Vielleicht, weil sie an normalen Arbeitstagen genau um diese Uhrzeit heim kam? Vielleicht war es aber auch die besondere und magische Stille, die die Winternächte so mit sich brachten. Schon als Kind hatte sie davon nicht genug bekommen.

Das muss der Stress der letzten Wochen sein. Schlafstörungen. Jawohl, das ist es! So versuchte sie sich in Gedanken ihr eigenes Verhalten zu erklären. Lächelnd stapfte sie gemächlich durch den Schnee und lauschte dem knirschenden Geräusch, das das grelle Weiß unter ihren Stiefeln verursachte. Sie ging den schmalen Weg vor ihrem elterlichen Haus entlang und bewegte sich in Richtung Feld. Marie seufzte, denn sie spürte, wie langsam, aber sicher, alle Anspannung von ihr abfiel. Es war einfach jedes Jahr dasselbe: In der Zeit vor Weihnachten, was eigentlich besinnliche Wochen sein sollten, war der Ärger und Zeitdruck in der Arbeit am allergrößten. Und nicht nur das - schneller als sie wollte, übertrug sich diese Art von Belastung auch auf das Privatleben. Anstatt sich Zeit für den Weihnachtseinkauf zu nehmen, durch die Geschäfte zu schlendern und sich voller Freude den künftigen Geschenken für die Familie und liebe Freunde zu widmen, bestellte sie mittlerweile alles im Internet. Ihr Postler hatte in den letzten Jahren so etwas wie den Status ihres persönlichen Weihnachtsmanns eingenommen und ehrlich gesagt fehlte nicht mehr viel, dass die beiden sich duzten. Das war eine Entwicklung, die Marie so gar nicht gefiel, denn sie fühlte sich um den Zauber der vorweihnachtlichen Zeit beraubt.
Auf eine Sache allerdings freute sie sich dennoch jedes Jahr: Wenn sie sich am 23. Dezember auf zu ihren Eltern in den beschaulichen Südschwarzwald machte und dort ihre komplette Familie traf. Das war der Zeitpunkt, an dem Weihnachten quasi über sie hereinbrach. Zwar mit Vorankündigung, aber trotzdem auf eine seltsame Art jedes mal von neuem überwältigend.

Von dem Moment an, wenn sie ihren kleinen Wagen die Einfahrt ihrer Eltern hinaufsteuerte, sie das weihnachtlich geschmückte Haus sah, ihre Mutter sie strahlend empfing und sie im Wohnzimmer den festlich geschmückten Christbaum erblickte, war Weihnachten für Marie. Dann ging ihr Herz auf. Egal, was in den elfeinhalb Monaten des Jahres davor passiert war. Sie fühlte sich wohl, behaglich und geborgen, was nicht nur daran lag, dass sie nach Hause kam, sondern vor allem am Fest an sich und den Erinnerungen, die sie damit verband. Dieses Jahr lagen besonders harte Monate hinter ihr. Da war die Trennung von ihrem langjährigen Lebensgefährten, die sie sehr mitnahm. Dann ihr Umzug, den sie in kürzester Zeit zu bewerkstelligen hatte, ein paar persönliche Probleme und natürlich immer ihr Job, der sein Schatten über jegliches Privatleben warf. Das, was sie allerdings am meisten knabbern ließ, war wahrlich ihre Trennung. Natürlich hatte sie das ganze Dilemma auf eine bestimmte Art und Weise vorhergesehen, aber dass Sven sie tatsächlich betrügen musste? Und dann auch noch mit diesem dahergelaufenen Flittchen, nur weil sie ihm schmeichelte? Sie glaubte ihm sogar, dass er seine Affäre nicht liebte. Selbst, dass sie ihm nicht einmal etwas bedeutete und dennoch kam für Marie eine Versöhnung oder gar ein Neuanfang niemals in Frage. Auch wenn Sven das unbedingt wollte. Verzeihen? Oh ja, das konnte sie hervorragend - darin war sie geübt. Nicht nur, was Sven betrifft. Aber vergessen? Das funktionierte niemals und genau das war der Grund, warum sie vor ein paar Monaten einen Schlussstrich gezogen hatte. Unter Sven und unter ihre altes Leben. Sie wollte eine neue Marie, ein neues Leben. Aber ob ihr das wirklich gelang? So einfach? Ehrlich gesagt hatte sie keine Ahnung.

Völlig in Gedanken verloren wanderte sie immer weiter, bis sie plötzlich stehen blieb und sich verwundert umschaute. Es war noch immer Nacht, aber sämtliche Häuser waren aus ihrem Blickfeld verschwunden. Sie befand sich mitten auf den Feldern. Es war nicht so, dass sie das erschreckte, denn eigentlich hatte sie genau das vorgehabt, aber dass sie bereits mindestens fünf Kilometer in der klirrenden Kälte gegangen war, überraschte sie doch sehr. Sie fröstelte nicht einmal - ganz im Gegenteil. Je länger sie ging, desto wärmer wurde ihr, desto befreiter fühlte sie sich. Von allem. Sie legte ihren Kopf in den Nacken und schaute in den nächtlichen Himmel. Es begann zu schneien! Sie beobachtete die Schneeflocken, die auf sie zugerauscht kamen, öffnete unwillkürlich den Mund und war angesichts des Anblickes, den sie gerade bot, froh, dass sie mutterseelenalleine war. Sie zog ihre Mütze ab und schüttelte ihre Haare. "Zum Teufel mit der Frisur, hier sieht mich doch sowieso keiner", sprach sie mit sich selbst und fuhr sich durch ihre dunklen, langen Locken.

Sie wollte spontaner werden. Und lockerer. Sie wollte das Leben genießen! Marie hielt kurz inne. Wollte sie das wirklich? Das hieße, dass sie von einigen ihrer Glaubensgrundsätze, die sie sich in den letzten Jahren selbst auferlegt und danach gelebt hatte, ablassen musste? Sie lächelte und nickte sich selbst zu. Und wie sie das wollte! Und nicht nur das - die Gedanken und Wünsche, die ihr gerade durch den Kopf huschten, waren doch wunderbare Vorsätze für das neue Jahr. Sie konnte sowieso nie verstehen, warum Neujahrsvorsätze immer etwas mit Selbstkasteiung und Verzicht zu tun haben mussten. Die meisten wollten abnehmen, gesünder leben, mehr Sport machen oder irgendwelche schlechte Angewohnheiten abgewöhnen. Wieso wollte sich denn niemand auch einmal etwas gönnen? Taten das denn nicht sowieso alle viel zu wenig? Zufrieden mit ihrem Entschluss, warf sie sich in den Schnee und hinterließ einen Schneeengel.

Als sie wieder aufschaute, blieb ihr fast das Herz stehen. Augen, die ein derartig 
helles Blau besaßen, wie Marie es noch niemals in ihrem Leben gesehen hatte, schauten vergnügt, fast belustigt in ihre. Eine männliche Hand, die sich allem Anschein nach an einem sehr muskulösen und durchtrainierten Arm befand, packte sie am Handgelenk und zog sie zu sich hinauf. Marie blinzelte, als sie dem Fremden ins Gesicht blickte, denn eigentlich sah sie nichts. Die schönen, lächelnden Augen waren das einzige, was sie von ihm erkannte, der Rest verbarg sich unter einem schwarzen Motorradhelm. Perplex trat sie einen Schritt zurück und hielt nach seinem Gefährt Ausschau. Da stand es. Genauso schwarz, wie sein Fahrer eingekleidet war. Nicht nur das hatten sie gemeinsam. Auch die sportliche Ausstrahlung vereinigte sich in beiden wieder. Das einzige, was Marie in diesem Moment allerdings durch den Kopf spukte, war, warum sie den Fahrer nicht vorher bemerkt hatte. Es war mitten in der Nacht und mucksmäuschenstill. Um sie herum nichts als Feld und sie hörte nicht einmal ein sich näherendes Motorrad?

 Sie musste überarbeiteter sein, als sie es zugab! Dann widmete sie sich erneut ihrem Gegenüber. Viel zu mustern gab es ja nicht, da der Motorradfahrer noch immer nicht seinen Helm abgezogen hatte und auch keine Anstalten machte, dies zu tun. Eines allerdings fiel ihr sofort auf. Die sportliche Figur des Mannes, die unter dem ledernen Anzug steckte. Sie war sich sicher, dass das, was sich darunter befand, ohne großartige Korrekturen sofort auf die Werbetafel für Unterwäschefirmen befördert werden konnte. Durch ihren Beruf war es ihr möglich, derartiges sofort abschätzen, schließlich war sie ständig von solchen Schönlingen umgeben. Egal, ob als Kunde oder Mitarbeiter. Oberflächlichkeit in Perfektion - genau das kennzeichnete diese Männer und zwar in jeglicher Hinsicht. Sie wusste es nur zu gut und ihre Meinung basierte auf so manch schmerzhafter Erfahrung.
Marie schluckte. Vielleicht war ja ihre Arbeit ja der Grund, warum sie sich immer "spezielle" Männer aussuchte? Sven war wirklich keine Schönheit, eher ein Charakterkopf mit Ausstrahlung, der dennoch ein Selbstbewusstsein hatte, als würde er Brad Pitt in nichts nachstehen. Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken.

Marie blickte den Mann, der sich mittlerweile aufs Motorrad gesetzt hatte, überrascht an. Sie gab es auf, sich zu fragen, woher er kam und warum er da war. Sie konnte es sich sowieso nicht erklären. Vielleicht lag es auch an den Nachwehen, die der Weihnachtspuntsch ihrer Mutter hinterlassen hatte. Vier Gläser Puntsch mit Schuss, viel zu wenig im Magen, noch weniger Schlaf und völlig überarbeitet? Jawohl, das entsprach ungefähr ihrer momentanen Verfassung. Und genau deshalb war es auch klar, warum sie ihn nicht gehört hatte. So war es - und nicht anders. Marie hatte sich ihre Erklärung gut zurecht gelegt. Was sie aber nicht verstand, war, warum der Motorradfahrer nicht abrauschte. Ganz im Gegenteil - er saß ziemlich machohaft auf seiner Maschine, blickte Marie in die Augen und deutete auf den Sitz hinter sich.

Sie runzelten die Stirn. Wollte er etwa? Sie konnte es nicht glauben! Nein! Na ganz sicher würde sie das nicht. Was bildete sich dieser Typ überhaupt ein? Sie unterdrückte den Wunsch, sich an die Stirn zu tippen, doch ihre Körperhaltung strahlte bereits genügend aus. Zumindest so viel, dass sie genau sehen konnte, wie der Mann mit den blauen Augen eine Augenbraue hochzog und sie musterte. Natürlich würde sie sich nicht auf das Motorrad eines völlig fremden Kerls schwingen. Dazu noch einer, der einfach mitten in der Nacht mit seiner Maschine angerauscht kam und ihr nicht einmal sein Gesicht zeigen wollte. Da half ihm selbst sein beeindruckender Körperbau nicht. Dieser Mann vor ihr könnte ein wahnsinniger Mörder sein, ein Junky, oder noch schlimmer, ein langweiliger Banker. Und nicht nur das - ihr fielen im Stehgreif mindestens nochmal fünf Argumente ein, die sie darin bestätigten, dass sie seinem Wunsch nicht nachkommen würde. Marie beäugte den frechen Kerl vor ihr kritisch. Wunsch? Seiner Körpersprache nach zu urteilen, war das wohl doch eher ein Befehl als ein Bitte. Marie lief es eiskalt den Rücken hinunter.

Doch dann meldete sich ihre innere Stimme zu Wort. Hattest du nicht gerade erst gesagt, dass du ab jetzt das Leben genießen willst? Dazu gehört auch, mal etwas Verrücktes zu tun.

Hmmm ... das stimmt schon, begann sie mit sich selbst zu diskutieren. Aber ich könnte doch erst einmal langsam anfangen mit etwas wie ... hm ... Vielleicht Dienstags mein Mittwochsoutfit anziehen?

Wooohooo! Ich Rebell!  Ja wenn das so ist!  .... Sag mal, spinne ich jetzt völlig? Dienstags mein Mittwochsoutfit anziehen? Herrje, ich glaube, es steht schlimmer um mich, als ich mir eingestehe! Ich bin gefangen in meiner eigenen kleinen, perfekt organisierten und langweiligen Welt. Aber, ... , also was ist, wenn der Kerl wirklich nicht alle Latten am Zaun hat?

Papperlapp!

Ohne großartig darüber nachzudenken, was sie da in diesem Augenblick tat, schwang sie sich mit vollem Elan auf den Feuerstuhl. Sie war selbst so von ihrem eigenen Verhalten überrascht, dass sie wie angewurzelt auf dem Motorrad saß. In dem Moment, als ihr geheimnisvoller Begleiter den Gasdrehgriff nach vorne bewegte und mit ihr davon rauschte, schaffte sie es gerade noch, sich an ihn zu klammern. Marie schloss die Augen. Sie hatte ganz vergessen, wie abgöttisch sie es liebte, Motorrad zu fahren.  Sicher, sie hatte niemals gewagt, sich dem Wunsch ihrer Mutter zu widersetzen und selbst den Führerschein gemacht, aber noch bis vor ein paar Jahren nutze sie jede Chance, um bei ihren beiden Brüdern mitfahren zu können. Doch dann trat Sven, der Inbegriff von Spießigkeit in ihr Leben. Natürlich konnte er Motorräder nicht leiden und somit war ihre einstige Leidenschaft in Vergessenheit geraten. 
Ihr rauschte der Wind durch die Haare und sie spürte den kalten Luftzug, der ihr über ihr Gesicht fuhr. Sie trug keinen Helm, was sie für gewöhnlich dazu veranlasst hätte, den Fahrer der Maschine unter Mordandrohnung dazu zu bringen, das Gefährt anzuhalten und sie herabsteigen zu lassen. Aber heute? Natürlich verschaffte ihr ihr eigenes, unverantwortliches Verhalten ein mulmiges Gefühl im Bauch, aber sie wischte es kurzerhand beiseite. Heute war auf seltsame Art und Weise alles anders und wahrscheinlich war das Fahren ohne Helm da noch weitaus ungefährlicher, als zu einem völlig fremden Mann aufs Bike zu steigen. Sie wollte sich heute einfach mal keine Sorgen machen. Sie wollte etwas verrücktes tun - darüber ärgern würde sie sich später so oder so. Denn so schnell schaffte es Marie nun auch wieder nicht aus ihrer manchmal recht spießigen Angewohnheiten hinaus.

Während die beiden in immer rasanterem Tempo durch die Felder fuhren und schließlich kurz vor der Autobahn waren, schmiegte sich Marie etwas enger an den Fahrer. So wenig sie selbst fassen konnte, was sie da tat, so sehr gefiel es ihr auch. Eigentlich veranlasste die Kälte sie dazu, sich näher an ihn heranzubewegen, aber was sie da ertastete, war auch nicht von schlechten Eltern. Komischerweise fühlte sich der Mann vor ihr sogar auf eine seltsame Art bekannt und vertraut an, dennoch war sie sich sicher, diesen Augen noch niemals im Leben begenet zu sein. Je länger sie zusammen fuhren, je stärker ihr sein Geruch in die Nase kroch, desto mehr wünschte sie sich, sein Gesicht zu sehen. Sie musste zugeben, dass sie sich kurz davor befand, vor Neugierde zu platzen. So etwas kannte sie doch sonst nicht? Und wieso spürte sie nicht einmal die Kälte? Gut, sie war ziemlich warm eingepackt, aber zumindest ihr Kopf hätte einem Eisklotz gleichen müssen.

Obwohl Marie davon ausgegangen war, dass sie sich in Richtung Autobahn bewegten, überraschte der Fahrer sie. Kurz vor seinem vermeintlichen Ziel bog er ab und fuhr mir ihr durch die schneebedeckten Serpentinen des Schwarzwalds. Marie war verwundert. Bei ihren Brüdern hätte sie wohl in der einen oder anderen Situation vor Furcht gebrüllt, aber dieser Fahrer nahm ihr auf eine Weise, die sie wieder nicht verstand, völlig die Angst. Mehr und mehr wurde Marie eines mit der Geschwindigkeit, dem warmen Körper vor ihr und der klirrend kalten Luft des Nachthimmels. Das war wohl auch der Grund, warum sie nicht bemerkt hatte, dass sie sich plötzlich vor dem Haus ihrer Eltern standen.
Marie schaute sich verwundert um. Woher wusste der Kerl überhaupt, wo sie wohnte? Hatte er sie etwa verfolgt? Mitten in der Nacht? Das konnte doch nicht sein. Völlig entgeistert stieg sie vom Motorrad ab und wollte auf das Haus ihrer Eltern zugehen, als ihr Fahrer sie am Arm packte. Erschrocken zuckte Marie zusammen und drehte sich zu ihm um. Sein Griff wurde lockerer, glitt hinunter zu ihrer Hand, die er dann ergriff und zu sich zog. Noch immer mit dem Helm auf dem Kopf deutete er ihr einen Handkuss an. Noch ein letzter, tiefer Blick, der zu Folge hatte, dass Maries Nackenhaare begannen, sich aufzustellen und ihr Körper von einem wohligen Kribbeln erfasst wurde, dann rauschter er davon. Komplett neben sich schaute sie ihm hinterher. So lange, bis er nicht mehr zu sehen war.

"Tante Marie, Tante Marie!" Ihr kleiner Neffe Jonas zerrte an an ihr. "Wach endlich auf, das Christkind war da!" Vor Aufregung völlig neben sich, zog der kleine Mann die Nase hoch und wischte sich den Rotz an seinem schicken, extra für Weihnachten gekauften neuen Hemd ab. Marie begann zu lachen.

"Lass das am besten Mal nicht deine Mama sehen. Ist es wirklich schon Abend?"

Jonas nickte mit großen Augen und begann loszuplappern. "Naja, nicht ganz. Es ist Nachmittag. Ich wollte dich wecken, aber Oma sagte, ich darf das nicht. Wenn ich es trotzdem mache, dann kommt das Christkind nicht. Oma sagte, du brauchst den Schlaf, weil du doch so viel arbeitest." Dann musterte Jonas seine Tante neugierig und fuhr fort. "Aber jetzt war das Christkind da und du musst aufstehen. Und ich habe Hunger! Aber noch viel lieber will ich endlich meine Geschenke auspacken!" Der Vierjährige strich sich über sein kleines Bäuchlein und schaute seine Tante an, als ob er kein Wässerchen trüben könnte.

"Ist ja schon gut. Ich bin in 10 Minuten bei euch unten.", lachte Marie und fuhr ihm über seine verwuschelten Haare.

Stirnrunzelnd schüttelte sie den Kopf. Was für einen bizarren Traum sie gehabt hatte. So real und dennoch so verrückt. Marie Griff zu ihrer Zahnbürste. Als ob sie, Marie Thomsen,  jemals freiwillig zu einem völlig fremden Kerl aufs Motorrad gestiegen wäre. Und dann auch noch ohne Helm!
"Pffff", machte sie, was zur Folge hatte, plötzlich hunderte von feinen Zahnpastesprenkeln dass den Spiegel im Gästebad ihrer Eltern zierten. Doch dann hielt sie inne. Allerdings die Entscheidung, ihr Leben künftig ein wenig mehr zu genießen, war eine prima Idee. Schließlich predigte ihre Freundin Larissa ihr dies bereits seit Monaten.  Für was Träume alles gut waren! Hatte sie es etwa ihrer nervigen Freundin zu verdanken, die mit ihrem Geplapper solch einen Eindruck auf Maries Unterbewusstsein ausübte, dass sie schon davon träumte? Wie dem auch war - die Entscheidung, die dabei herauskam war in Ordnung.

Als Marie das Wohnzimmer betrat, konnte sie nicht anders als lachen, denn das Bild, das sich ihr bot, war allerliebst. Ihr kleiner Neffe saß mitten in einem Berg von Geschenke und begutachtete seine Errungenschaften mit funkelnden Augen. Um ihn herum im Kreis saßen Maries Eltern, ihr großer Bruder, und somit Jonas Vater, seine Frau und Maries kleiner Bruder. Wessen Augen mehr glänzten, konnte sie nicht sagen.

"Na wenn ihr das zu unseren Zeiten nur auch mal so gemacht hättet. Die Bescherung vor dem Abendessen? Natürlich nicht. Unsereins wurde gequält so lange es ging. Bis zum Nachtisch und dem Kaffee wurden wir hingehalten. Bis selbst Oma, die die langsamste Esserin unter uns war, auch das letzten Krümelchen Kuchen aufgegessen hatte", feixte ihr kleiner Bruder Tim, auf dessen Sessellehne sich Marie niederließ und ihren Arm um ihn legte.

Ihre Mutter dachte nicht daran zu reagieren und gab nur zurück: "Na wenn Unser Töchterlein jetzt auch answesend ist, können wir ja mit der Bescherung beginnen!"
Nachdem alle ihre Geschenke ausgepackt hatten und Marie glücklich war, dass sie bei jedem ihrer Familienmitglieder richtig gelegen hatte, kam Jonas auf sie zugesprungen.

"Tante Marie, das ist noch ein Geschenk für dich! Hast du das denn nicht unter dem Baum liegen sehen?" Aufgeregt streckte Jonas ihr ein kleines Schächtelchen entgegen. "Papa sagte, da steht Marie drauf!"





Stirnrunzelnd nahm sie es in die Hand und blickte die restlichen Familienmitglieder fragend an. Das einzige, was sie zurück bekam, war ein einheitliches Schulterzucken.

"Na pack schon aus. Was ist da wohl drin?", kommentierte klein Jonas das Geschehen, "Oder soll ich?"

Langsam nahm sie die Schleife ab und öffnete das kleine Schächtelchen. Was sie dann sah, raubte ihr den Atem. In der Pappschachtel befand sich eine silberne Kette mit einem Anhänger, der die Form eines Motorradhelms besaß. Mit offenem Mund und aufgerissenen Augen faltete sie den kleinen Zettel, der unter dem Schmuck lag, auseinander.


Liebe Marie, für unsere nächste Tour - damit du auch einen Helm hast! Frohe Weihnachten, stand darauf.



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Was denkt ihr? Was hat es mit Maries Bekanntschaft auf sich?

Ich würde mich über eure Kommentare freuen!

Herzliche Grüße, Lana 

Bildquellen: http://www.sxc.hu
 

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